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Unzweifelhaft bestehen zwischen beiden virtuosen Fähigkeiten Zusammenhänge, die bisher noch
nicht erforscht sind und die geeignet sind, wichtige Wechselbeziehungen zwischen Violin- und Gitarrentechnik aufzudecken. Besonders
deutlich zeigen sich diese Zusammenhänge in den 24 Capricen op. l, in welchen die meisten Etüden deutlich gitarristische
Einflüsse technischer und melodischer Natur aufweisen.
Seine erste Anregung zum Gitarrenspiel erhielt P. wohl schon als Kind im Elternhause. Sein Vater Antonio P. war in
seinen Mußestunden ein eifriger Gitarrenspieler1) und gab dem Knaben neben dem Violinunterricht
wohl auch die ersten Unterweisungen in dieser Kunst, die ihm sicher geläufiger war als das Geigenspiel. Im Besitz des Musikhistorischen
Museums zu Köln befindet sich eine einfache Terzgitarre2) (kleiner dimensionierte Gitarre, die
eine Terz höher als die gewöhnliche Gitarre gestimmt ist, wie sie damals häufig von Kindern benutzt wurde). Das
mit einfachen Verzierungen versehene Instrument stammt aus dem Nachlaß P.s und soll von ihm in seiner Jugend benutzt sein.
Daß P. später geregelten Unterricht gehabt hat, ist kaum anzunehmen. Seine geniale Natur und die eifrig betriebenen
Violinstudien wiesen ihm den Weg zu einer einzigartigen Virtuosität. Die Gitarre war Anfang des 19. Jahrhunderts das beliebteste
Hausinstrument. Zahlreiche Virtuosen bereisten den Kontinent, unter ihnen besonders die italienischen Gitarristen Mauro Giuliani
(1780 bis nach 1830) und Luigi Lignani (1790—1840). Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sie P.s Wege gekreuzt haben,
da verwandte Züge in der Behandlung der Gitarre darauf hinweisen, daß P. beide gekannt hat3).
Es ist bekannt, daß P. bald nach seinen beendeten Studien im Violinspiel und ersten öffentlichen Konzerten
Ende November 1799 den Blicken seiner Zeitgenossen auf bald fünf Jahre entschwand und sich mit leidenschaftlichem Eifer dem
Gitarrenspiel widmete. Dieser Zeitraum ist trotz aller Nachforschungen unaufgeklärt geblieben. P. berichtet darüber
seinem Freunde Schottky4): „Für längere Zeit zog ich mich von Parma nach Genua wieder
zurück . .. Dafür aber beschäftigte ich mich ziemlich fleißig mit der Komposition und schrieb auch zahlreiches
für die Gitarre" und an anderer Stelle unter Anspielung auf seine Leidenschaft am Glücksspiel: „Ich muß
es aufrichtig sagen, daß ich mehr als einmal in die Hände solcher Leute fiel, die mit mir fertiger und glücklicher
spielten als ich, aber freilich weder die Violine noch die Gitarre." Fetis5) und Conestabile6)
berichten übereinstimmend, daß er auf Veranlassung einer befreundeten Dame, die Gitarre spielte, sich diesem Instrument
hauptsächlich widmete. In dieser Zeit entstanden außer den gedruckten Werken zwei: Sei sonate per violino e chitarra,
dedicati al signora delle Piane, op. 3; Sei sonate per violino e chitarra, dedicati alla Ragazza Eleonora, op.4. Tre gran quartetti
a violino, viola, chitarra e Violoncello, dedicati delle amatrici, op. 5 dgl., Variation! di bravura sopra un tema originale per
violino con accompagnemetto d. chitarra7) zahlreiche Kompositionen für Gitarre allein, Duette,
Terzette und Quartette für Gitarre und Streichinstrumente. Immerhin wäre es falsch, annehmen zu wollen, daß P.
nur in„, dieser Zeit für Gitarre komponierte. Aus den zahlreichen Widmungen, den hin und wieder bezeichneten Daten
der Niederschrift geht hervor, daß die Gitarre in keinem Abschnitt seines Lebens von ihm beiseite gelegt wurde.
Nachstehend seien einige Bemerkungen angegeben, die etwas Licht auf das Verhältnis P.s zur Gitarre werfen. Schottky1)
schreibt über eine Begegnung mit seinen Landsleuten in Prag (1828), während welcher er den Italiener Eaphaelo zur Mandoline
begleitet in einer Fußnote dazu: „P. spielt die Gitarre vorzüglich gut; er macht Akkorde von sehr großer
Schwierigkeit und von sehr schönen Arpeg-gien. Auch wendet er auf diesem Instrument einen ihm ganz eigentümlichen Fingersatz
an. Die Begleitung seiner Konzerte, wenn er ein Akkompagnement hat, ist stets auf der Gitarre aufgefunden; sonst schreibt er bei
keinem anderen Instrument. Er komponiert singend oder pfeifend."
1) Eduard Bernsdorf: Neues Universal-Lexikon der Tonkunst. Andre, Offenbach 1861. J. Kapp: Paganini, S. 2.
Schuster & Loeffler, Berlin 1922.
2) G. Kinsky: Katalog des Musikhistorischen Museums von W. Heyer zu Köln, Köln 1922, Bd. II, Nr. 568; ferner auch ..Collezione
del celebre Violinisto Niccolo Paganini", Catalogo Nr. 84. Luigi Battistelli, Florenz 1910 (Nr. 223).
3) Trotz des gegenteiligen Zeugnisses nach G. Imbert de Laphaleque. N. P. Paris, 1830, S. 34ff. „Giuliani, Der geschickteste
Gitarrist unserer Zeit ist nicht das gleiche Genie •wie P.". Ein gemeinsames Konzert mit L. Legnani gab P. kurz vor
seinem Tode am 9. Juni 1837 in Turin.
Der spanische Gitarrenvirtuos Ferdinand Sor (1780 bis 1839) hat P. nicht gekannt. Er schreibt dazu in seiner Gitarrenschule (N.
Simrock, Bonn): „Man machte in meiner Gegenwart eine Beschreibung von all den Kunststücken und außerordentlichen
Dingen, die der berühmte Paganini auf der Violine ausführt, Jemand fragte: Und wie spielt er ohne Künstelei ? Vortrefflich,
antwortete der Befragte, welcher mit Sachkenntnis zu urteilen verstand. Seitdem betrachte ich diesen Künstler als ein wahrhaft
kolossales Talent, daß seines großen Rufes würdig ist."
4) J. M. Schottky: P.s Leben und Treiben. Prag 1830 (Neudruck 1909).
5) P. J. Fetis: Notices biographiquessur N. P. Paris 1851, S. 40ff.
6) Giancarlo Conestabile: Vita di P. Perugia 1851. S.40ff.
7) Erschien ohne Gitarrenbegleitung als Nr. 24 von op. l „24 Capricen".
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