ANSBACH - Dieser Tribut an den „Teufelsgeiger“ war überfällig, denn
eine lebenslange Liebe Niccolò Paganinis
galt der Gitarre, die erst in seiner
Generation die Laute als Begleit-
ins
trument überflügelte. Am Sonntag
würdigte Sergej Vassilenko (Violine)
und Ulrich Rasche (Gitarre) in der
Karlshalle jenes Lebenswerk des
Meisters, welches beiden Saiten-instrumenten
geradezu gleichrangig gewidmet
ist - und erinnerten taktvoll an seine
Liaison mit einer 26 Jahre jüngeren
verheirateten Ansbacherin.
Galant und engelhaft beschworen
die frühen Sonatinen eine Jugendzeit,
in der statt des ehrwürdigen Kontrapunkts
leichte, tänzerische Figuren,
Verbeugungen und Handküsse in einer
stets variierten und modulierten
Floskelsprache in Dur und Moll die
Klangrede bestimmten.
Die Lauterkeit und Durchsichtigkeit
des Spiels beider Virtuosen ließe hier
vom ,,doppelten Paganini" sprechen,
der im Spiel beider Instrumente mit
ganzer Seele präsent war.
Die romantische Sehnsucht und
Wehmut brach dann mit voller Kraft
ein im „Adagio flebile con sentimento“
aus dem vierten Violinkonzert, das der
Arrangeur Johannes Schwinn wieder
in die vermutliche Urbesetzung zurückgeführt
hatte - und welches auf
Grund brieflicher Hinweise auf jene
Feuerbach-Tochter Helene von Dobeneck
als Muse deutete.
,,Flebile" bedeutet ,,wehmütig, weinerlich,
flennend" - doch mit maiestätischer Würde
in himmlischen Höhen, oft in Terzen mit
schwelgerischen, an
Bellinis Opern erinnernden Längen
eine unsterbliche Verklärung jener gar
nicht leichten Beziehung.
Vollkommen gleichberechtigt und
perfekt aufeinander eingestimmt konzertierte
das Duo in dem alle Phasen
der Liebe vom ersten Wink bis zur
Trennung und Abreise durchlaufenden
,,Duetto Amoroso". Die Gitarre
war hier oft der Gesprächspartner, kanonisch
oder gegen- läufig oder auslösend, die Geige
eher die launische Diva.
Die Reifung des Ausdrucks und ungewöhnliche
spieltechnischer Effekte
belegten mehrere Sonaten, darunter
das erste temperamentvolle Stück der
Sammlung ,,Centone di Sonate".
Vassilenko konnte in einem Solovortrag
von Paganinis Variationen über
Giovanni Paisiellos Arie ,,Nel cor piu
non mi sento“ nicht nur die atemberaubende
Palette sämtlicher Kunstgriffe
des ,,Teufelsgeigers" ausschöpfen,
sondern dem Wesen des ganzen
Belcanto-Zeitalters ein Denkmal setzen
mit einer Intensität eines Interpreten,
der im Zeitalter der großen Kantile- nen
seine Heimat findet.
Stürmischer Beifall aus dem gut besetzten
Saal brachte noch ein schwelgerisches ,,Cantabile“ unter zwei Zugaben
- der Geist des Meisters schien
noch einmal in Ansbach zu weilen.
Ingo Bathow
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